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Orte und Motive solidarischen Handelns in transnationalen Arbeitsbeziehungen (SOHA)

Laufzeit: 01.01.2021 bis 31.12.2023

Ziele von SoHa

Im geplanten Projekt SOHA wird der Zusammenhalt in Europa über die Interaktionsverhältnisse der unterschiedlichen Akteure der Arbeitswelt erforscht. Ziel ist es, solidarisches Handeln als verbindendes Element spezifischer Interaktionen zu beleuchten. Das Vorhaben folgt der Annahme, dass gesellschaftlicher Zusammenhalt nicht an sich thematisiert werden kann, sondern sich an Perspektiven über/in der Auseinandersetzung mit spezifischen Aspekten von Lebensführung (wie Arbeit, Bildung, Teilhabe etc.) zeigt. Dabei wird im Projekt davon ausgegangen, dass der kooperative Umgang mit den verschiedenen Konfliktlinien (zwischen Kapital und Arbeit, zwischen Arbeitnehmer*innen und deren Interessenvertretungen in verschiedenen Branchen und aus verschiedenen Ländern) in zunehmend international gestalteten Arbeitsmärkten ein wesentliches Element für das Gelingen des europäischen Projektes und die demokratische Gestaltung von Zusammenhalt ist. Damit steht transnationale Solidarität in der Arbeitswelt als umfangreicher, wechselseitiger Problemlösungswille verschiedener europäischer und nationaler Akteure auf verschiedenen Handlungsebenen und in unterschiedlichen Regulierungs- bzw. Implementationskontexten im Fokus von SOHA.

Das Handeln von Europäischen Betriebsräten, im Folgenden EBR, wird im Zusammenhang mit der Fortentwicklung von Transnationalen Unternehmensabkommen (TCA) und der Bearbeitung von Themen wie Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Digitalisierung etc. untersucht. Ferner liegt der Fokus auf der Interaktion von Verbänden in verschiedenen Branchen, um bestehende Koalitionen – aber auch Abgrenzungen – zwischen nationalen, sektoralen und transnationalen Akteuren innerhalb der jeweiligen Lager von Arbeitgeber*innen und Gewerkschaften, aber auch zwischen diesen zu identifizieren. Hier stehen Themen wie die Regulierung eines europäischen Mindestlohns und Kooperationen im Zusammenhang mit der Umsetzung der Entsenderichtlinie im Vordergrund. Ziel ist es, die Komplexität von Solidarität in den transnationalen Arbeitsbeziehungen auf verschiedenen Ebenen bzw. Orten abzubilden, entlang verschiedener Dimensionen zu systematisieren und dabei die jeweiligen Voraussetzungen oder Gelingensbedingungen verschiedener Formen kooperativ-solidarischen Handelns und damit einhergehender Motive zu identifizieren. Des Weiteren gilt es, die gewonnenen Erkenntnisse zu komprimieren und als „Verstehens- und Handlungshilfen“ zu formulieren, um sie an unterschiedliche Stakeholder und Multiplikatoren zu vermitteln. Dieser breite Ansatz spiegelt sich in der allgemeinen Forschungsfrage:

Wie und unter welchen Voraussetzungen entsteht Solidarität in den transnationalen Arbeitsbeziehungen?

Im Sinne eines Arbeitsbegriffs definiert SOHA Solidarität bzw. „solidarisches Handeln“ dabei allgemein entlang verschiedener Stufen, die von gemeinsamem Handeln aufgrund gleicher Ziele (zweckgebunden), aufgrund von Verbundenheit und Zugehörigkeit in Folge gleicher Interessen, Anschauungen etc., bis hin zum gemeinsamen Handeln aus Mitverantwortung und Verpflichtung für andere bzw. das soziale Ganze reichen. Zudem dürfte mit Blick auf die Qualität bzw. Intensität des Zusammenhalts, der über die europäischen Arbeitsbeziehungen realisiert werden kann, die von Engler genutzte Unterscheidung zwischen passiver (Akzeptanz anderen Akteuren Chancen einzuräumen, ohne dass man diese aktiv unterstützt), aktiv konstitutiver (gemeinsames Handeln zur Herstellung kollektiver Güter wie Regulierungen) und aktiv distributiver Solidarität (Unterstützung anderer durch Umverteilung) hilfreich sein.

Ferner bezieht sich SOHA auf das Prinzip der „proaktiven Subsidiarität“, welches die Europäisierung der Arbeitsbeziehungen stark prägt. Das Prinzip setzt voraus, dass staatliche Instanzen auf derselben Ebene – also europäischer, nationaler oder regionaler Ebene – aktiv zu Unterstützung (empowerment) und zur Befähigung (capabilities) der unmittelbar beteiligten Akteure bei der selbstbestimmten Normbildung beitragen sollen. Des Weiteren sollen sie den beteiligten Akteuren im Rahmen staatlich gesetzter Regelwerke (wie Kollektiv- oder Tarifvertragsgesetzen) diese Normbildung in Eigenverantwortung überlassen. Konkret liegt das Prinzip sowohl der Europäischen Betriebsräterichtlinie (2009/38/EG, erweitert durch Richtlinie (EU) 2015/1794) für die rechtlich einklagbare Gründung dieser Gremien zu Grunde, als auch der Regelung der Verbandsebene unter Art. 154/155 AEUV – und der darin enthaltenen Befähigung der Sozialpartner zur Normbildung. Für die Entwicklung von transnationaler Solidarität in der Arbeitswelt werden somit unterschiedliche Räume/Orte geschaffen wie auch Themen/Motive vorgegeben bzw. ausgeschlossen – wie etwa die Regelung von Lohnverhandlungen auf EU Ebene. Dabei sind dauerhafte und belastbare Interaktionen, aber auch eher spontane und unerwartete Allianzen in sehr unterschiedlichen Kontexten entstanden, aus denen sich positive Beispiele europäischer Kooperation ableiten lassen. Diese in ihren Entstehungs- und Verstetigungskontexten zu analysieren und zu dokumentieren erscheint wichtig, um zu zeigen, dass Europa nicht nur ein Wirtschafts-, sondern auch ein Sozialraum ist und die zunehmend transnationale Arbeitswelt unter Einbeziehung der Sozialpartner zum Wohle Aller gestaltbar ist. Die beiden Teilprojekte nehmen die Ausgangsfrage auf, indem sie unterschiedlichen Orte und Motive in transnationalen Arbeitsbeziehungen in ihren jeweiligen Spezifikationen untersuchen. Im Transferteil kondensiert SOHA die Ergebnisse und Konzepte solidarischen Handelns in transnationalen Arbeitsbeziehungen, um sie europafeindlicher Meinungsbildung und Vorurteilen entgegenzustellen.

 

Teilprojekt 1 am Zentrum für Arbeit und Politik (zap)

Das zap verbindet in TP1 politikwissenschaftlich-theoretische Kenntnisse zu transnationalen Sozialen Dialogen mit der sozialwissenschaftlich, methodischen Kompetenz zur Aufbereitung einer entsprechenden Datenbank sowie der Erstellung von Unternehmensfallstudien. Dies zielt auf die Erweiterung der wissenschaftlichen Kenntnisse transnationaler solidarischer Praktiken auf Unternehmensebene.

Von SOHA werden dabei sowohl die regulativen Voraussetzungen, die Motive der beteiligten Akteure wie auch die Reichweite der geschlossenen Abkommen vergleichend analysiert. Entsprechend gilt es folgende Forschungsfragen zu klären:

  • Wie und unter welchen Voraussetzungen entsteht und verstetigt sich auf europäischer Unternehmensebene solidarisches Handeln? Welche Rolle spielen verschiedene regulative Kontexte?
  • Welche Akteure sind dabei besonders aktiv in der Etablierung transnationaler Dialoge, und was sind ihre Motive dafür?

 

Teilprojekt 2 am Institut Arbeit und Wirtschaft (iaw)

Ergänzend untersucht das iaw in TP 2 Positionen und Netzwerke der Sozialpartner im Zusammenhang mit der europäischen Mindestlohnnorm sowie transnationale Kooperationen und Projekte zur Umsetzung bestehender Rechtsnormen für entsandte Arbeitnehmer*innen.

Um nationalen Egoismen entgegenzuwirken fokussiert SOHA auf Gelingensbedingungen von bereits bestehende Formen der Kooperation in den genannten Themenfeldern, wie z.B. das Kooperationsprojekt „faire Mobilität“, das Beratungszentren für mobile Arbeitnehmer*innen unterstützt. Vor diesem Hintergrund werden folgende Fragen gestellt:

  • Welche Positionen werden im aktuellen Diskurs zur Gestaltung einer europäischen Mindestlohnregelung vertreten und wie gestalten sich die transnationalen Kontakte und Netzwerke innerhalb als auch zwischen den verschiedenen Lagern der Sozialpartner auf Branchenebene?
  • Welche konkreten Kooperationen zur Umsetzung der (neuesten) Entsenderichtlinie bzw. zur Beratung und Vertretung entsandter Arbeitnehmer*innen gibt es?
  • Was sind jeweils Voraussetzungen für transnationales solidarisches Handeln, worin bestehen Restriktionen?

 

Weitere Informationen zum Projekt erhalten Sie bei Dr. Philipp Gies (philipp.gies(at)uni-bremen.de)

 

Kooperation & Förderung

Für die Umsetzung des Vorhabens kooperiert das zap mit dem iaw. Diese Kooperation erlaubt es Voraussetzungen und Erfolge transnationalen solidarischen Handelns über die verschiedenen Ebenen und Themen hinweg zu typisieren, unerwartete Koalitionen und mögliche „Paradoxien“ zu überprüfen, aber auch Hindernisse aufzuzeigen. Dabei werden nicht nur Erfahrungen, sondern auch Visionen der Stakeholder und Experten mit der digitalen Gruppendiskussion „causes of solidarity“ berücksichtigt. Durch die Kooperation können die Projektergebnisse in (universitäre) Bildungsformate aufbereitet und „übersetzt“ werden.

SoHa ist ein Projekt der Förderlinie „Zusammenhalt in Europa“, die durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung finanziert und durch den DLR Projektträger verwaltet wird.

 

Kontakt

Ansprechpartner*innen für das Teilprojekt 1

Dr. Philipp Gies (Projektleitung)

Tel: +49 (0) 421 - 218 567 24
E-Mail:  philipp.gies(at)uni-bremen.de
 

Franziska Laudenbach

Tel: +49 (0) 421 - 218 567 13
E-Mail: f.laudenbach(at)uni-bremen.de

Ansprechpartnerin für das Teilprojekt 2 (am iaw)

PD Dr. Irene Dingeldey

Tel.: +49 (0) 421 - 218 617 10
E-Mail:  dingeldey(at)uni-bremen.de

 

Förderung durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung