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Varieties of English in Foreign Language Teacher Education

Ausgangslage und Problemaufriss

Das Englische als globale Lingua Franca ist gekennzeichnet von einer enormen Variationsbreite und, mehr als andere Sprachen, einer Vielzahl nationaler und regionaler Erscheinungsformen. So existieren zum Beispiel neben den großen Referenzvarietäten des britischen und amerikanischen Englisch zahlreiche nationale Standardvarietäten, die sich im Zuge der postkolonialen Emanzipation früherer britischer Kolonialgebiete in Nordamerika, Asien und Afrika herausgebildet haben. Aktuell orientiert sich der traditionelle Englischunterricht in Deutschland nahezu ausschließlich an den beiden großen Referenzvarietäten, während andere nationale Standardvarietäten, regionale Varietäten sowie die „Postcolonial Englishes“ dagegen kaum Berücksichtigung finden – obwohl das Behandeln dieser seit langem von Bildungsstandards und Bildungsplänen gefordert wird. Ebenso existieren nur wenige praxisnahe Unterrichtsmaterialien und Lehrbücher für den Sekundarschulbereich, die diese Variationsvielfalt sinnvoll aufgreifen. Es stellt sich daher die Frage, wie angehende Englischlehrkräfte in der universitären Ausbildung auf die schulischen Implikationen und den angemessenen Umgang mit der o. g. Variationsbreite vorbereitet werden können und wie die existierende sprachliche Vielfalt des Englischen im Unterricht behandelt werden kann.

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Aktuelle Informationen über Veranstaltungen, Publikationen und Vorträge auf unserem Blog:

https://blogs.uni-bremen.de/varieties/

 

Projektübersicht

Um die oben beschriebene Ausgangslage aufzugreifen wurde ein Lehrkonzept für die universitäre Ausbildung von Englischlehrkräften entwickelt, das sprachwissenschaftliche, fremdsprachendidaktische und unterrichtspraktische Elemente miteinander verzahnt und in mehreren Zyklen erprobt.

Im ersten Zyklus (WiSe 2016/2017) erfolgte dies in Form eines Master-Seminars für Lehramtsstudierende, das in Kooperation von Lehrenden aus der Sprachwissenschaft und Fremdsprachendidaktik unterrichtet wurde. Aus der Sprachwissenschaft wurden zentrale Forschungsergebnisse zu den verschiedenen Varietäten des Englischen zusammengetragen, die für die Ausbildung von Englischlehrkräften relevant sind. Zusammen mit der Fremdsprachendidaktik Englisch wurden anschließend existierende Lehrmaterialien zu „Varieties of English“ evaluiert und auf ihre Nutzbarkeit untersucht. Dabei wurden in Zusammenarbeit mit Studierenden auch neuartige Unterrichtsmaterialien zur Thematik erstellt und in der Praxis an unseren Partnerschulen erprobt.

Auf der Grundlage der Erfahrungen und Erkenntnisse der ersten Durchführung wurde die Veranstaltungsform weiterentwickelt und in einem zweiten Zyklus (WiSe 2017/2018) durchgeführt. Das Lehrkonzept wurde von einem Seminar nun auf zwei parallel laufende, thematisch miteinander verzahnte Seminare ausgeweitet – ein fachwissenschaftliches, das linguistische Inhalte fokussiert sowie ein fachdidaktisches, welches sich auf die Vermittlung der linguistischen Fachinhalte in der Schule konzentriert. Hierdurch konnten die Inhalte der ersten Veranstaltungsform entzerrt und mehr Zeit für die Planung und Umsetzung der Unterrichtsprojekte eingeräumt werden.

  • Stärkung der Identifikation mit dem Studienfach, indem sich Studierende intensiv mit ihrer eigenen Sprachlernbiographie auseinandersetzen und ihre eigene Varietät des Englischen reflektieren
     
  • Entwicklung eines Bewusstseins dafür, dass neben den beiden großen Referenzvarietäten weitere wichtige nationale und regionale Varietäten existieren, die spezifische Merkmale aufweisen
     
  • Unterscheidung zwischen varietätsspezifischem Sprachgebrauch und Fehlern, um diese vor allem bei der Leistungsmessung der Schülerschaft berücksichtigen zu können
     
  • Bewertung existierender Lehr- und Lernmaterialien auf ihre Eignung für den Unterricht und kompetenzorientiertes Erstellen eigener Materialien zum Thema mit Bezug zum Curriculum

Die explizite Verzahnung von Fachwissenschaft und Fachdidaktik stärkte nach Aussage der Studierenden erfolgreich den wahrgenommenen Bezug zwischen fachlichen Inhalten – also dem Wissen über Varietäten der englischen Sprache, deren Entstehung und Merkmale – und ihrer Relevanz für die spätere Gestaltung des eigenen Englischunterrichts. Die Rekonstruktion der Fachinhalte für den Unterricht bereitete im ersten Durchlauf einigen Studierenden Probleme, konnte aber mit mehr Unterstützung im zweiten Durchlauf deutlich besser umgesetzt werden. Dies ist mit großer Wahrscheinlichkeit darauf zurückzuführen, dass beide Inhaltsbereiche, Fachwissenschaft und Fachdidaktik, im ersten Durchlauf nicht ausbalanciert verbunden waren: Der linguistische bzw. wissenschaftliche Anteil im Seminar überwog und der Transfer der Inhalte in angemessenen Schulstoff musste von den Gruppen selbst geleistet werden. Dies bestätigt erneut, dass Vernetzung nicht von selbst passiert, sondern konkret gefördert und gelernt werden muss. In diesem Zusammenhang gab es außerdem Hinweise darauf, dass „Linguistik“ zunächst als abstrakt und fern der Unterrichtspraxis wahrgenommen wurde, ein deutliches Indiz für fehlende Vernetzung. Derartige Rückmeldungen traten im zweiten Zyklus kaum noch auf. Bei einigen Studierenden bewirkte das Seminar darüber hinaus ein gestärktes Gefühl, auch als Nichtmuttersprachler/in ein/e legitime/r Sprecher/in und Lehrkraft der englischen Sprache zu sein.

Seit Beginn des Projekts wurde die Zusammenarbeit mit Partnerschulen sowie interessierten Lehrkräften kontinuierlich ausgeweitet und soll auch künftig weiter ausgedehnt und vor allem verstetigt werden. Ferner wird für die Zukunft angestrebt, Weiterbildungsmöglichkeiten für Lehrkräfte anzubieten. Auch mit Kolleginnen und Kollegen von anderen Universitäten befindet sich das Projekt in einem stetigen Austausch, da die Frage nach Sprachnormen und Standards im Fremdsprachenunterricht vielerorts an Aufmerksamkeit gewinnt. Hierdurch können Ergebnisse aktueller Forschung zur Thematik (z.B. zur Perspektive der Schülerinnen und Schüler sowie zu aktuellen Lehrmaterialien) mit anderen Forschenden diskutiert und ausgetauscht werden. Siehe hierzu auch: https://www.researchgate.net/project/Global-Englishes-in-ELT-in-Germany

Im Rahmen der Veranstaltung entstehen aktuell studentische Forschungsarbeiten, die von interessierten Teilnehmerinnen und Teilnehmer zur Seminarthematik angefertigt werden. Hierzu gehört beispielsweise eine bereits abgeschlossene Masterarbeit zum Thema „Sprachbewusstheit und -einstellungen von Schülerinnen und Schülern gegenüber Varietäten des Englischen“.

Arbeitstitel: "The Development of Language Identity in English Teacher Trainees in Germany”

Erkenntnisinteresse:

Das Promotionsprojekt untersucht die Überzeugungen, Einstellungen und Vorstellungen (zusammengefasst unter dem Begriff „Kognitionen“) der Lehramtsstudierenden im Hinblick auf sprachliche Normen im Unterricht. Im Fokus steht außerdem die sprachliche Identität der Studierenden (bzw. sprachliche Identitäten in verschiedenen sozialen Rollen) sowie die Zusammenhänge zwischen den verschiedenen Aspekten.

Ausgangslage:

Den Kognitionen zukünftiger Lehrkräfte wird ein bedeutender Einfluss zugemessen, sowohl mit Bezug auf das Handeln im späteren Unterricht, als auch darauf, wie Inhalte der Lehramtsausbildung an der Universität in Bezug zu diesem gesetzt werden. Da die Thematik regionaler sprachlicher Variation innerhalb der englischen Sprache bzw. der sprachlichen Normen im Unterricht in Unterrichtsmaterialien, Schule und Lehramtsausbildung bisher kaum eine Rolle spielt, sind Lehrkräfte in diesem Bereich auf ihr eigenes Wissen und den selbstständigen Umgang mit dem fachlichen Inhalt angewiesen. Aus diesem Grund ist anzunehmen, dass ihre Einstellungen und Vorstellungen hier einflussreicher sind als in anderen, im Unterricht bereits etablierten Themenbereichen. Um im Unterricht mit der Thematik umgehen zu können, sollten sich zukünftige Lehrkräfte über ihre eigene Sprachlernbiographie sowie ihre eigenen Kognitionen zum Thema bewusst sein. Als reflective practitioner sollten sie in der Lage sein, über diese zu reflektieren und Zusammenhänge zum schulischen Englischunterricht herzustellen. Die Forschung zeigt, dass angehende Englischlehrkräfte zwar im Allgemeinen eher positive Einstellungen zu sprachlicher Variation im Unterricht haben, jedoch die Vorstellungen für die konkrete Umsetzung häufig konservativ sind. Die Gründe für diese Diskrepanz sind bislang aber kaum erforscht.

Relevanz für “Varieties of English in Foreign Language Teacher Education”:

Ziel der Dissertation ist es unter anderem, durch eine multimethodische Befragung der teilnehmenden Studierendenkohorten herauszufinden, ob sich über die jeweils im Wintersemester hinweg stattfindende Intervention die Kognitionen der Studierenden verändern. Kognitionen wie sprachliche Einstellungen und Überzeugungen sollen nachhaltig beeinflusst werden und damit zu einer Reflexion über die eigene professionelle Rolle und Identität als Englischlehrkraft führen, die langfristig auch das unterrichtliche Handeln beeinflussen kann. Hierbei ist speziell das Zusammenspiel von professioneller sprachlicher Identität als Lehrkraft und der sprachlichen Identität im privaten, außerschulischen Kontext interessant. Darüber hinaus erfolgt im Kontext dieser Begleitforschung auch eine kontinuierliche Evaluation des Lehrkonzepts, die auf der Grundlage des studentischen Feedbacks inhaltliche und organisatorische Anpassungen ermöglicht und die wichtige Erkenntnisse zu Weiterentwicklung, Verstetigung und Übertragbarkeit des entwickelten Modells liefert.

Umsetzung:

Im Rahmen der Veranstaltung werden Daten in Form von Sprachlernbiographien, Fragebögen und Interviews erhoben, welche qualitativ analysiert werden. Die Kombination unterschiedlicher Methoden der Datenerhebung soll es ermöglichen die komplexen Zusammenhänge von sprachlichen Identitäten und Einstellungen der Studierenden aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten.  Es wird eine Typenbildung angestrebt, die die genannten Zusammenhänge zugänglich macht. Die Ergebnisse der Forschung sollen genutzt werden, um in der Veranstaltung gezielter auf Kognitionen der Studierenden eingehen zu können und Reflexionsanlässe zu bieten.

Aktualisiert von: Marion Wulf